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Größte Studie zur 4-Tage-Woche – das sind die überraschenden Ergebnisse

von Katja Uhde – 27. Februar 2023

Die 4-Tage-Woche wird viel diskutiert. Immer mehr Länder starten Pilotprojekte, um die Auswirkungen zu evaluieren. Nun ist in Großbritannien die bisher größte Studie zur 4-Tage-Woche veröffentlicht worden. Das sind die Ergebnisse.

Die 4-Tage-Woche ist in aller Munde. Während viele Arbeitnehmenden sich die verkürzte Arbeitswoche herbeisehnen, standen Arbeitgebende dem bisher mehrheitlich kritisch gegenüber. Durch die Corona-Pandemie bekam die Debatte neuen Auftrieb. Denn plötzlich stellten viele Arbeitnehmende fest, dass es ihnen guttut, weniger zu arbeiten. In den Vereinigten Staaten von Amerika verließen mehr als 50 Millionen Arbeitnehmende ihre Arbeitgebenden. Die Welle wird als „Great Resignation“ bezeichnet.

61 Unternehmen in Großbritannien testeten 4-Tage-Woche

Unter den Befürwortern der 4-Tage-Woche sind nicht nur Arbeitnehmende, auch immer mehr Politiker machen sich für das Arbeitszeitmodell stark. In Großbritannien endete nun der weltweit größte Versuch zur 4-Tage-Woche. 61 Unternehmen mit 2.900 Mitarbeitenden haben die Auswirkungen ein halbes Jahr lang getestet.

An der Studie beteiligt waren die Non-Profit-Organisation „4 Day Week Global“ (4DWG), die Universität Cambridge aus dem Vereinigten Königreich und das Boston Collage aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Leiter des Versuchs war Will Stronge vom Think-Tank „Autonomy“. Erklärtes Ziel der Initiatoren war es, Vorurteile gegenüber der verkürzten Arbeitszeit auszuräumen. Betrachtet man die Studienergebnisse, scheint dies gelungen zu sein.

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick:

  • 71 % weniger Burnoutfälle
  • 65 % weniger Krankentage
  • 57 % weniger Kündigungen durch Mitarbeitende
  • 39 % weniger Stress

Produktivität konnte gesteigert oder gehalten werden

Hinzu kommt, dass die meisten Unternehmen, die an der Studie teilgenommen haben, auch ihre Produktivität steigern oder zumindest halten konnten. Dass dies möglich ist, liegt an gleich mehreren Faktoren. Denn obwohl die Beschäftigten der teilnehmenden Unternehmen einen Tag mehr frei hatten (in der Regel den Freitag für ein verlängertes Wochenende), haben sie nicht weniger gearbeitet. Der Arbeitsumfang blieb gleich, indem an den übrigen vier Arbeitstagen jeweils länger gearbeitet wurde. Durch die Kompensation wurde sichergestellt, dass Lohn und Gehalt gleichblieben.

Trotz des gleichbleibenden Arbeitspensums fühlten sich die Arbeitnehmenden ausgeglichener und weniger gestresst. Das führte dazu, dass sie motivierter und produktiver waren. Sie wurden weniger krank, verspürten seltener das Bedürfnis den Arbeitgebenden zu wechseln und litten kaum noch unter Überarbeitung, die beispielsweise zu Burnout führt.

Gesundheit und Wohlbefinden der Angestellten haben also einen Boomerang-Effekt, von dem letztlich alle profitieren. Die Arbeitnehmenden, die Arbeitgebenden und sogar die Gesellschaft, die durch bessere Betriebsergebnisse mehr Steuern einnimmt und gleichzeitig weniger Ausgaben im Gesundheitssektor bezahlen muss.

„Große Zufriedenheit bei den Beschäftigten“

Anna Wenlock, eine der teilnehmenden Unternehmenslenkerinnen, erklärt es so: „Die Produktivität ist gestiegen. Wir erledigen mehr als zuvor. Dafür gibt es zwei Gründen: Wir sind ausgeruhter und motivierter.“ Während sich einige der Studienteilnehmenden überrascht zeigen, fasst Stronge das Fazit auf Seiten der Angestellten so zusammen: „Große Zufriedenheit bei den Beschäftigten.“

Die Mitarbeitenden berichten in Befragungen von weniger Stress und negativen Gefühlen. Ein Drittel sagt, dass sich ihr Gesundheitszustand durch die 4-Tage-Woche spürbar verbessert hat. Mütter und Väter begrüßen es, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Gleichzeitig stellten sie fest, dass sie dadurch auch noch weniger Geld für die Kinderbetreuung, die in Großbritannien sehr teuer ist, ausgeben mussten. Viele hätten selbst nicht gedacht, wie gut ein zusätzlicher freier Tag der Seele tut, obwohl die Arbeitszeit in Summe gleichbleibt.

Am bisher größten Versuch zur 4-Tage-Woche nahmen Unternehmen verschiedener Branchen teil. Vor allem Berater und Dienstleister, aber auch produzierendes Gewerbe.

Kritiker hegen Zweifel an der Aussagekraft der Studie

Fachleute beobachten die aktuellen Entwicklungen mit großem Interesse, hegen aber auch Zweifel an der Aussagekraft der Studie. Kritisiert wird zum Beispiel, dass sich die Unternehmen für den Versuch selbst gemeldet haben. Diese also offenbar bereits eine positive Grundhaltung zur 4-Tage-Woche mitbrachten. Es gab keine repräsentative Auswahl oder Gewichtung.

Zudem wurden die Unternehmen von den Initiatoren in vielfacher Hinsicht bei der Optimierung von Abläufen und Prozessen unterstützt, um die verkürzte Arbeitswoche realisieren zu können. Eine zweimonatige Coaching-Phase dient der Vorbereitung. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) entgegnet: „Besser organisieren lässt sich eigentlich immer. Das hängt aber nicht von der Zahl der Arbeitstage ab.“

Hinsichtlich der These, dass sogar die Produktivität gesteigert werden konnte, wird bemängelt, dass weniger als die Hälfte der an der Studie teilgenommenen Betriebe Geschäftszahlen geliefert hat, die einen seriösen Vergleich vor und nach dem Versuch ermöglichen. Insgesamt haben eher Unternehmen überschaubarer Größe teilgenommen.

Fast alle wollen 4-Tage-Woche beibehalten

Obwohl viele Unternehmen im Vorfeld selbst gezweifelt haben, fällt ihr Fazit eindeutig aus: 56 der 61 Unternehmen werden das Arbeitszeitmodell beibehalten.

Die Studie in Großbritannien war der bisher größte, aber bei weitem nicht einzige Versuch, die Auswirkungen der 4-Tage-Woche auch wissenschaftlich zu ergründen. Derzeit läuft ein längerfristig angelegter Test in Spanien, der sogar von der dortigen Regierung unterstützt wird.

An dem Modellprojekt nehmen 200 vor allem kleine und mittlere Unternehmen teil. Es soll untersucht werden, wie sich die Arbeitsproduktivität bei gleicher Bezahlung und geringerer Arbeitszeit verändert. Teilnehmen dürfen nur Mitarbeitenden in Vollzeit. Sie müssen die Arbeitszeit um mindestens einen halben Tag pro Woche reduzieren. Das Projekt muss für mindestens zwei Jahre umgesetzt werden.

Im Gegenzug leistet die Regierung im ersten Jahr Unterstützung bei den Gehältern der teilnehmenden Mitarbeitenden. Je nach Größe des Unternehmens müssen dafür aber mindestens 30 Prozent der Belegschaft an dem Versuch teilnehmen. Das spanische Industrieministerium hat insgesamt zehn Millionen Euro für das Projekt zur Verfügung gestellt.

Spanien gehört zwar zu den Ländern in Europa, die die längsten Arbeitstage haben, gilt aber gleichzeitig nicht als besonders produktiv.

Konzerne kommen zu ähnlichen Ergebnissen

4 Day Week Global hat bereits in verschiedenen Ländern Modellprojekte unternommen, darunter Island, Irland, Australien und Neuseeland, Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch die ersten größeren Konzerne trauen sich, eigene Erfahrungen zu machen. So bietet das Telekommunikationsunternehmen Telefonica seinen Beschäftigten in Spanien eine 4-Tage-Woche an. Dafür müssen diese auf zwölf Prozent ihres Gehalts verzichten, profitieren aber von 20 Prozent weniger Arbeitszeit. Der andalusische Softwarekonzern El Sol berichtete bereits 2021, dass er seinen Absatz bei einer 4-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich um ein Fünftel steigern konnte. Gleichzeitig sank die Zahl der Fehltage deutlich, während die Zufriedenheit von Mitarbeitenden und Kunden stieg.

Der Softwarekonzern Microsoft stellte seine 2.300 Mitarbeitenden in Japan 2020 freitags frei und verbuchte dadurch nach eigenen Aussagen einen Produktivitätszuwachs von satten 40 Prozent. In Island hingegen zeigt sich, dass vor allem im Gesundheitswesen zahlreiche Neueinstellungen notwendig waren, um die geringere Arbeitszeit pro Mitarbeitenden zu kompensieren. Das hat zu erheblichen Mehrausgaben in Millionenhöhe geführt.

Deutsche Arbeitgebende fordern „Mehr Bock auf Arbeit“

In Deutschland hört man weiterhin vor allem Bedenkenträger. So sagte Matthias Bianchi vom Deutschen Mittelstandsbund letztes Jahr zum britischen Feldversuch: „Die 4- oder 3-Tage-Woche eignet sich heute nicht für eine flächendeckende Anwendung in kleinen oder mittleren Unternehmen.“ Dabei verwies er gegenüber der Tagesschau auf Betriebe, in denen seriell gearbeitet oder produziert wird. Dort stoße die 4-Tage-Woche schnell an ihre Grenzen.

Damit hat er insofern recht, als dass sie in ausgelasteten Industriebetrieben sicherlich Neueinstellungen bedeuten würde. Neueinstellungen, die auf einem nach Personal gierenden Arbeitsmarkt schwierig sind. In reinen Bürobetrieben ist die 4-Tage-Woche sicherlich leichter umsetzbar.

Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, sieht die Forderung nach einer 4-Tage-Woche kritisch. Vor allem in Hinblick auf den Mangel an Arbeitskräften. Er forderte nun in einem Interview mit dem Fachinformationsdienst Table Media: „Wir brauchen mehr Bock auf Arbeit.“ Seiner Meinung nach bekommt man eine gute Work-Life-Balance auch mit 39 Stunden pro Woche hin.

4-Tage-Woche kann Personal und Auszubildende locken

Beispiele aus Großbritannien, aber auch aus Deutschland zeigen hingegen, dass auch auf Kundenseite Verständnis und Akzeptanz für eine kürzere Arbeitswoche besteht. So schloss eine britische Fahrradwerkstatt seit dem Start des Modellversuchs jeden Freitag und hat dadurch keine Kunden verloren.

In Deutschland berichtet ein Berliner Friseurbetrieb, dass die 4-Tage-Woche einen Anziehungseffekt auf Ausbildungssuchende habe. Mit dem neuen Arbeitszeitmodell konnten nach Jahren endlich wieder alle offenen Ausbildungsplätze belegt werden. Das zeigt, wie wichtig alternative Arbeitszeitmodelle für die Personalbeschaffung sind. Gerade in Zeiten von Personalmangel.

Fakt ist: Die 4-Tage-Woche steigert das Wohlbefinden der Beschäftigten, auch wenn sie für Arbeitgebende zunächst ein Umdenken bedeutet. Dafür kann sie aber auch zur Steigerung des wirtschaftlichen Erfolgs beitragen.
In Zukunft könnte sich die 4-Tage-Woche für viele Betriebe zu einem zentralen Bestandteil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements entwickeln.

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