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Schichtarbeit und Männergesundheit

von Laura Einnolf – 26. April 2021

Männer leben im Durschnitt ca. fünf Jahre kürzer als Frauen. Aber warum ist das so? Der Erste Deutsche Männergesundheitsbericht, der im Oktober 2010 von der Stiftung Männergesundheit und der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V. veröffentlicht wurde, gilt als Meilenstein in Sachen Männergesundheit. Der Bericht beschäftigt sich unter anderem mit den Fragen ob Männer ihre Gesundheit vernachlässigen oder, ob sie in unserem Gesundheitssystem vernachlässigt werden.

Eines der zentralen Ergebnisse lautet, dass Männer in gesundheitlichen Fragen anders informiert und versorgt werden müssen als Frauen. Männer benötigen diesbezüglich klare Ansprachen und konkrete Handlungsanweisungen. Auch politisch und gesellschaftlich ist ein Umdenken erforderlich, das bereits mit der Erziehung im Kindesalter beginnt. Der Erste Männergesundheitsbericht macht deutlich, dass das nach wie vor präsente Bild vom vermeintlich starken Geschlecht, mit einem höheren Gesundheitsrisiko bei Männern einhergeht (vgl. Stiftung Männergesundheit 2020). Auffallend ist, dass Männer häufiger in Schichtarbeit tätig sind und somit das Thema Männergesundheit in der Schichtarbeit besonders an Relevanz gewinnt.

Männergesundheit gewinnt an Bedeutung

In den Jahren 2013, 2017 und 2020 erschienen drei weitere Männergesundheitsberichte, die sich unter anderem mit der psychischen Gesundheit und der sexuellen Gesundheit des Mannes auseinandersetzen. Männergesundheit gewinnt seit den letzten 30 Jahren in der Gesellschaft immer mehr an Bedeutung und lässt die Relevanz steigen, dieses Thema in den nächsten Jahren noch mehr in den Fokus zu rücken. So ist es bisher bekannt, dass Männer oft eine geringere Inanspruchnahme von präventiven Maßnahmen vorweisen, als Frauen, was nur noch mehr Nachdruck verleiht Präventionsangebote geschlechtsspezifisch zu konzipieren. Damit Männer und Frauen in Zukunft gleichermaßen von gesundheitsfördernden Angeboten und präventiven Maßnahmen profitieren können, muss also ein verschärfter Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse gelegt und gefördert werden.

Männer sind häufiger in Schichtarbeit tätig

Mit einem Blick auf die Arbeitswelt, stellt man fest, dass Männer häufiger in Schichtarbeit tätig sind. Diese Tätigkeiten sind oft dadurch gekennzeichnet, dass sie körperlich anstrengender sind und ein höheres Unfallrisiko mit sich bringen (vgl. Leser 2013, S. 4 f.). Dies geht aus dem IAB-Kurzbericht aus dem Jahr 2013 hervor. So ist es von umso größerer Wichtigkeit, Männer in Schichtarbeit zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil zu motivieren und ihre Gesundheit zu fördern. Vor allem auch bedingt durch den demographischen Wandel und der immer älter werdenden Erwerbstätigen in Deutschland (vgl. Ehrlich u. Vogel 2018, S. 3).

Laut Leser et al. (2013) sind von den in Wechselschicht beschäftigten Frauen und Männern in Deutschland knapp ein Viertel 50 bis unter 65 Jahre alt. Diese Altersgruppe weist häufig ein Erwerbsleben jahrzehntelanger Wechselschicht mit Nachtschicht auf (vgl. Langhoff u. Satzer 2017, S. 7). Laut Leser et. al. (2013) befanden sich im Jahr 2011 ca. 18 % der 20- bis unter 35-jährigen Männer und Frauen in Wechselschicht. Der insgesamt höhere Anteil bei den Jüngeren kann einerseits auf die Zunahme von Schichtarbeitsplätzen zurückgeführt werden, andererseits ist aber auch anzunehmen, dass ein Teil der Älteren im Laufe ihres Erwerbslebens in eine Beschäftigung mit Normalarbeitszeit wechselt. Dies wird auch durch gesetzliche Regelun­gen unterstützt: Ältere, die regelmäßig nachts arbeiten, haben nicht nur das Recht auf medizinische Untersuchungen, sondern bei Vorliegen nachtarbeitsbedingter Gesundheitsprobleme auch das Recht auf eine Rückführung in Normalarbeitszeit.

Mehr als sieben Millionen Menschen von Schichtarbeit betroffen

Es hat sich der Anteil der Beschäftigten mit regelmäßiger Schicht- und Nachtarbeit zwischen den Jahren 1999 und 2015 von 18 auf 20 % erhöht. Der Anteil der regelmäßig sonntags Beschäftigten stieg im gleichen Zeitraum um acht Prozentpunkte von 16 % auf 24 %. Männer arbeiten etwas häufiger als Frauen am Wochenende. Dies gilt insbesondere für regelmäßige Wochenendarbeit nur an Samstagen, die 22% der Männer und 17% der Frauen betrifft. (vgl. Wöhrmann et al. 2016, S. 41). Laut Wöhrmann et al. (2016) arbeiten Frauen etwas häufiger im Zeitrahmen zwischen 7 und 19 Uhr als Männer (83 % vs. 78%).

Betrachtet man das Geschlechterverhältnis der Beschäftigten in den unterschiedlichen Schichtsystemen, zeige sich allerdings, dass fast zwei Drittel der Beschäftigten in Wechselschicht mit Nachtschicht Männer sind (65%). Auch die Beschäftigten mit versetzten Arbeitszeiten sind deutlich häufiger Männer als Frauen (61% vs. 39%). In Schichtsystemen mit Nachtanteil arbeiten 8% der jüngeren und nur 5% der älteren Beschäftigten (vgl. ebd., S. 47).

Zugleich ist auch die Erwerbsquote insgesamt angestiegen, d. h. die prozentualen Anteile der Schichtbeschäftigten beziehen sich auf eine größere Zahl. Von daher kann davon ausgegangen werden, dass heute mehr als sieben Millionen Menschen von Schichtarbeit betroffen sind, deutlich mehr als noch vor 20 Jahren (vgl. Leser et. al. 2013, S. 2). Prognostiziert wird jedoch ein weiterer Anstieg des Anteils der Älteren, durch die sog. Babyboomer Jahrgänge. Dies beschreibt die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1965 (vgl. Ehrlich u. Vogel 2018, S. 3). Derzeit stehen diese Jahrgänge an der Schwelle zum höheren Erwerbsalter und werden im Folgenden als Personen im höheren Erwerbsalter bzw. im mittleren Lebensalter bezeichnet. Damit ein gesundes Älterwerden in der Arbeit für alle möglich wird, ist es notwendig, den Blick verstärkt auf die spezifischen Belastungen und Risikofaktoren durch Schichtarbeit im Hinblick auf das höhere Erwerbsalter zu richten (vgl. ebd.).

Gesundheitliche Risikofaktoren im Zusammenhang mit Schichtarbeit

„Gesundheitliche Risikofaktoren sind Merkmale, von denen angenommen wird, dass sie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Erkrankungen erhöhen“ (Bengel et. al. 2009, S. 10). Schicht- und Nachtarbeit wird in diesem Zusammenhang also als Risikofaktor gewertet und kann mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein. So gelten Ein- und Durchschlafprobleme als wesentliche Folge von Schichtarbeit, welche vor allem bei einer Abweichung des Arbeits- und Schlafrhythmus von dem natürlichen Tages- und Nachtrhythmus auftreten können (vgl. Angerer u. Petru 2010, S. 88ff.). Auch ist laut Beermann (2010) das Alter ein entscheidender Faktor, denn bei Älteren nehmen Schlafprobleme generell zu und die Anpassungsfähigkeit an veränderte Wach- und Ruhepause nimmt ab.

Jedoch muss nicht immer die Schichtarbeit allein ursächlich für Müdigkeit und Erschöpfung sein, denn dies kann etwa auch mit einem negativen Gesundheitsverhalten oder anderen Risikofaktoren zusammenhängen. Weitere Einflussfaktoren sind ebenfalls eine unzureichende Ernährung, Tabak- und Alkoholkonsum sowie mangelnde Bewegung (vgl. Kutscher u. Leydecker 2018, S. 3). Soziale Konsequenzen zählen als zusätzlicher Belastungsfaktor. So verändert Schichtarbeit auch das private Umfeld. Man spricht von sozialer Desynchronisation, da die mit Nachtarbeit verbundenen Rhythmusverschiebungen bei Schichtarbeitern im Widerspruch zu den zeitlichen Gewohnheiten ihres sozialen Umfelds stehen. (vgl. Wöhrmann 2016, S 89).

Schichtarbeit oft körperlich anstrengend

Zudem sind die für Schichtarbeit typischen Tätigkeiten oft durch körperlich anstrengende Arbeit charakterisiert, so sind gesundheitliche Beschwerden nicht allein ursächlich auf das Arbeitszeitmodell zurückzuführen. Beispiele sind hierfür das produzierende Gewerbe, das Gesundheitswesen und der Einzelhandel, bei denen die Mitarbeiter:innen oft mit körperlich belastenden Tätigkeiten konfrontiert sind. Es ist deshalb zu erwarten, dass Beschäftigte in Schichtarbeit häufiger gesundheitliche Probleme aufweisen als andere Beschäftigte in Normalarbeitszeit (vgl. Leser et. al 2013, S. 3).

Handlungsempfehlungen für das BGM

Wie sich herausstellt, haben wir es hier mit einer eher pragmatischen Zielgruppe zu tun. Informationen müssen also kurz und gebündelt bei den jeweiligen Mitarbeitern ankommen und nicht unnötig Zeit kosten, um von den Mitarbeitern aufgenommen werden zu können.

Kommunikation und Wertschätzung durch die Führungsebene für Mitarbeiter in Schichtarbeit

Viel schwieriger sei es, die individuelle Motivation der Beschäftigten zur aktiven Teilnahme an Präventionsmaßnahmen positiv zu beeinflussen. Gesundheitsbewusstsein und Präventionsverhalten variieren nach Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bildung (vgl. Dragano et al 2015 nach Meyer et al. 2015, S. 7). Es sind vor allem die besser Gebildeten, die Gesundheitsbewussteren und Frauen, die eher an Präventionsmaßnahmen teilnehmen (vgl. ebd.). Um auch die schwer erreichbaren Zielgruppen für präventive Maßnahmen zu interessieren und zu motivieren, ist die jeweilige individuelle Praktikabilität der Maßnahme von großer Bedeutung.

Der Zugang zu den Präventionsangeboten sollte für die Beschäftigten in ihren jeweiligen Alltagsablauf integrierbar sein. Präventive Angebote, die beispielsweise weiter vom Arbeitsort entfernt liegen, werden wahrscheinlich weniger in Anspruch genommen als solche, die in der Nähe stattfinden. Ungeeignete Rahmenbedingungen für präventive Angebote werden die Motivation der Beschäftigten daher eher negativ beeinflussen. Dies gilt umso mehr für die Beschäftigten, die bezogen auf ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort vom Standardzugang abweichen (vgl. ebd.).

Wertschätzung durch die Führungsebene

Eine wertschätzende Art und Weise Mitarbeiter für gesundheitsrelevante Themen und Angebote zu begeistern, sind vor allem persönliche Ansprachen. Dies setzt vor allem geschultes Führungspersonal voraus, denn die Mitarbeiter wollen, dass man ihre Belange ernst nimmt (vgl. Kölln 2014, S. 196). Für ein erfolgreiches Betriebliches Gesundheitsmanagement ist die Erreichbarkeit der jeweiligen Zielgruppe von zentraler Bedeutung und hängt ab von der erfolgreichen Kommunikation und der individuellen Motivation der Beschäftigten (vgl. Badura et al. 2015, S. 6 f.).

Damit die Zielgruppe erreicht wird, sollten verschiedene Kommunikationskanäle in Betracht gezogen werden, wie z. B. Mitarbeiterinformationen über Lohnabrechnung, Informationen über das Intranet, aktuelle Newsletter, die direkte Ansprache durch die Führungskraft, schwarze Bretter, Materialien in unterschiedlichen Sprachen, etc. Um die größtmögliche Erreichbarkeit zu gewährleisten, sollte der Kommunikationskanal den jeweiligen Bedingungen der Zielgruppe angepasst werden (vgl. Badura et al. 2015, S. 6 f.). So wäre es vor allem denkbar Mitarbeiter über aktuelle Newsletter, die so gestaltet sein sollten, dass sie speziell auch die Mitarbeiter an unterschiedlichen Standorten anspricht. Die Informationen sollten auf das Wesentliche reduziert sein, um die Mitarbeiter nicht vor einer zu großen Informationsflut abzuschrecken (vgl. Kölln 2014, S. 234 ff.).

Weiterhin ist es auch denkbar an die Führungskräfte der verschiedenen Schichten heranzutreten damit, z:B. die Schichtleiter gesundheitsförderliche Angebote persönlich bei den Mitarbeitern bewerben und nachhaltig die Verantwortung übernehmen, dass die Mitarbeiter sich gesundheitsförderlich verhalten. Somit tragen die Multiplikatore:innen zur nachhaltigen Integration des betrieblichen Gesundheitsmanagements in die betrieblichen Abläufe und Strukturen bei (vgl. Marks et al. 2014).

Welche Möglichkeiten bietet Saneware um die Gesundheit von Beschäftigten zu fördern?

Die Fehlzeiten-Analyse ist ein wichtiges Instrument des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Denn, wer die Ursachen für die Fehlzeiten in seinem Unternehmen kennt, der kann durch entsprechende Maßnahmen systematisch für die Gesundheit seiner Mitarbeiter:innen sorgen.

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Bei Fragen rund um das Thema BGM, von der Beratung bis zur Implementierung stehen unsere Fachexperten Ihnen gerne zur Verfügung.

Weiterführende Literatur

Angerer, P., Petru, R. (2010): Schichtarbeit in der modernen Industriegesellschaft und gesundheitliche Folgen. In: Somnologie Vol. 14. Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 88-97

Badura B, Ducki A, Schröder H, Klose J, Meyer M (2019): Fehlzeiten-Report 2019, Schwerpunkt: Digitalisierung – gesundes Arbeiten ermöglichen Springer, Berlin Heidelberg

Beermann, B. (2009). Nacht- und Schichtarbeit. In: Badura, B., Schröder, H., Klose, J., Macco, K. (Hrsg.). Fehlzeiten-Report 2009 – Arbeit und Psyche: Belastungen reduzieren – Wohlbefinden fördern. Springer Verlag, Heidelberg

Bengel, J. ,Meinders-Lücking, F., Rottmann, N. (2009): Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen – Stand der Forschung zu Psycho-sozialen Schutzfaktoren für Gesundheit. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Dragano, N., Wahl, S. (2015) Zielgruppen spezifisches Gesundheitsmanagement: Hintergründe, Strategien und Qualitätsstandards. In: Badura, B., Ducki, A., Schröder, H., Klose, J., Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2015. Neue Wege für mehr Gesundheit – Qualitätsstandards für ein zielgruppenspezifisches Gesundheitsmanagement. Springer Verlag, Heidelberg, 21-29

Ehrlich, U., Vogel, C. (2018): Babyboomer in Deutschland: Erwerbsverhalten, ehrenamtliches Engagement, Fürsorgetätigkeiten und materielle Lage. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin

Kölln, P. (2014): Männer im Betrieb(s)Zustand – der Praxisratgeber zur Männergesundheit. Universum Verlag GmbH, Wiesbaden

Kutscher, J., Leydecker, J. M. (2018): Schichtarbeit und Gesundheit – Aktueller Forschungsstand und praktische Schichtplangestaltung. Springer-Verlag GmbH, Deutschland

Langhoff, T., Satzer R. (2017): Gestaltung von Schichtarbeit in der Produktion. In: Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.). Working Paper Forschungsförderung. Setzkasten GmbH, Düsseldorf

Leser, C., Tisch, A., Tophoven, S. (2013): Beschäftigte an der Schwelle zum höheren Erwerbsalter Schichtarbeit und Gesundheit. In: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.). IAB-Kurzbericht Nr. 21, November 2013. Vormals Manzsche Buchdruckerei und Verlag, Regensburg

Marks, T., Peck, A., Schneppenheim, C. (2014): Betriebliches Gesundheitsmanagement – Gesunde Organisation, Aktionismus vermeiden, Leistungsfähigkeit von Beschäftigten fördern. Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, Düsseldorf

Wöhrmann, A. M., Gerstenberg, S., Hünefeld, L., Pundt, F., Reeske-Behrens, A., Brenscheidt, F., Beermann, B. (2016): Arbeitszeitreport Deutschland 2016, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund

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